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“Zwanzigstes Semester” “Zwanzigstes Semester”

Patrick Kokoszynski

The thought starts at one public bookcase and ends at the next, just like carrying a book from one to theother to manipulate the laws of chance. And of course the bookstand at the Bockenheimer Warte is the center of the city where all the threads coalesce. In a very direct sense this is the city‘s memory and it would do well to preserve it by any means but the stand wil probably close as soon as the old campus will be demolished. For now it is only on hiatus but the sight of the abandoned boxes in the wind covered with tarps already seems to point at a future without it and it saddens my heart. I almost persuaded the guy who runs the stand to allow me to make a film about it but he wasn’t enchanted by having a student filming under his very nose and he is probably right about it. But why am I talking about this in the first place? Some urbanists say, that cities have to become readable. Readable but not assessable. I take that literally and read what the city gives me, losing myself in the text if not in the city itself. That‘s leading us to Mitscherlich, by whom I have found countless books in the bookcases, which isn‘t a surprise in itself, since he was living and working in Frankfurt. Today, these books are strangely vapid, which isn‘ t to say that they are irrelevant, which by the way is true for all of the bookswe have already given up and dumped into the bookcase. Someone will find them to whom they will speak. The fact that, in Mitscherlich‘s work, thoughts about „The complexity of social factors on the development and treatment of neuroses and psychoses“ meet reflections on the „inhospitality of our cities“ and a „call for unrest“ surely isn‘t a coincidence. Or maybe it is, but a significant one. And this in turn leads us to the point of departure for this film: The relationship between personal pathologies and the pathological nature of urban spaces. Fortunately, not much of this made it into the finished film.Instead the focus shifted to the process of disappearance. If our gaze on the city is pathological, then this is the case because we don‘ t belong here anymore, because the houses we live and work in are already torn down or will be in a short while to make room for hypergentrification and global capital. So everything is over and we only ever catch glimpses of past potentials of urban life. What‘s behind the window? Only a sheet that blocks the view or a star? That depends onwhether we can find the key that transforms the window into the page of a book and the monitor into a window. Only in this way can we connect to earlier texts and continue writing history. It is anything but sure whether we succeed in this but it makes daily life acceptable, – now that you don‘ t have anything to do anymore, because your twentieth semester isn‘t over just because you are now exmatriculated. There were only nineteen anyways.

Trailer: https://vimeo.com/501847090

Der Gedanke fängt an einem öffentlichen Bücherschrank an und endet am nächsten, so wie man ein Buch von einem zum anderen trägt, nur um die Gesetze des Zufalls zu manipulieren. Und natürlich ist der Bücherstand an der Bockenheimer Warte das Zentrum der Stadt und hier laufen alle Bücher und alle Fäden zusammen. In einem sehr direkten Sinn ist dies das Gedächtnis der Stadt und diese täte gut daran, es mit allen Mitteln zu erhalten, aber vermutlich wird der Stand dichtmachen, sobald der alte Campus abgerissen wird. Im Moment hat er nur vorübergehend geschlossen, aber der Anblick der mit Planen überzogenen, verlassenen Bücherkisten im Wind weist schon auf eine Zukunft ohne ihn hin undstimmt mich melancholisch. Fast hatte ich den Betreiber so weit, dass ich einen Film über den Stand machen durfte. Aber er hatte wenig Lust auf einen Studenten der vor seiner Nase herumfilmt und das wahrscheinlich zurecht. Aber warum rede ich überhaupt davon? Manche Urbanisten sagen, die Stadt müsse lesbar gemacht werden. Lesbar, aber nicht überschaubar. Ich nehme das wörtlich und lese, was die Stadt mir zu lesen gibt, womit ich mich wenigstens im Text verliere, wenn die Stadt das schon nichthergibt. Das führt uns zu Mitscherlich, von dem ich massenweise Bücher in den Bücherschränken gefunden habe, was nicht weiter überraschend ist, weil er ja in Frankfurt gelebt und gearbeitet hat. Die Bücher sind heute seltsam nichtssagend, was nicht heißt, dass sie irrelevant sind, was ohnehin für alle Bücher gilt, die wir schon aufgegeben und in den nächsten Bücherschrank gestellt haben. Jemand wird sie finden, dem sie etwas sagen werden. Dass sich in Mitscherlichs Werk das Nachdenken „Über die Vielschichtigkeit sozialer Einflüsse auf Entstehung und Behandlung von Psychosen und Neurosen“ mit der Reflexion über die „Unwirtlichkeit unserer Städte“ und einem „Aufruf zum Unfrieden“ trifft, ist bestimmt kein Zufall. Oder eben doch, aber ein bedeutender. Und das wiederum führt uns zum Ausgangspunkt dieses Films: dem Verhältnis von persönlichen Pathologien und der pathologischen Gestalt des öffentlichen Raums. Davon ist im Film zum Glück nicht mehr viel übrig. Stattdessen hat sich der Fokus auf den Prozess des Verschwindens verschoben. Wenn unser Blick auf die Stadt ein krankhafter ist, dann, weil wir hier schon nicht mehr hingehören, weil die Häuser in denen wir wohnen und arbeiten schon abgerissen wurden oder es in Kürze werden, um Platz für Hypergentrifizierung und das globale Finanzkapital zu machen. Alles ist also vorbei und wir erhaschen nur einzelne Blicke auf vergangene Potenziale des städtischen Lebens. Was ist hinter dem Fenster? Nur ein Betttuch, das die Sicht versperrt oder doch ein Stern? Das hängt davon ab, ob wir den Schlüssel finden, der das Fenster zur Buchseite und den Monitor zum Fenster macht. Nur so können wir an vergangene Texte anknüpfen und Geschichte fortschreiben. Ob das gelingt ist nicht sicher, aber es macht den Alltag wenigstens annehmbar, jetzt wo es nichts mehr zu tun gibt, denn dein zwanzigstes Semester wird nicht enden, nur weil du jetzt exmatrikuliert bist. Es waren ohnehin nur neunzehn.

Trailer: https://vimeo.com/501847090